"Tut um Gottes Willen etwas Tapferes"

Moderator Bernd Becker stellt die "Reformierte Liturgie" vor (Fotos: Ulf Preuß)

„Tut um Gottes willen etwas Tapferes.“ Mit diesem Satz des Reformators Ulrich Zwinglis würdigte Holger Pyka, Direktor des Seminars für pastorale Ausbildung in Wuppertal,  die neue "Reformierten Liturgie" in seiner Festrede bei der Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Nordhorn am Freitag, 25. September. Angesichts von Rechtsextremismus, Klimawandel und dem „allgemeinen Wahnsinn der Welt“ könne der Satz heute auch als Ermutigung verstanden werden.

Nach fünf Jahren intensiver Arbeit konnte am Freitag die überarbeitete Fassung der Reformierten Liturgie, herausgegeben vom Reformierten Bund, erstmals bei einem Festakt in der Evangelisch-altreformierten Kirche in Nordhorn vorgestellt werden. Die Reformierte Liturgie gilt als Standardwerk für die Vorbereitung reformierter Gottesdienste. Sie umfasst Gebetssammlungen sowie Anregungen für die Gestaltung von Gottesdiensten und Andachten. Ab 2021 wurde das Werk grundlegend neu erarbeitet, in einer Projektgruppe mit Vertreterinnen der deutscher Landeskirchen sowie Personen aus der evangelisch-altreformierten Kirche und aus der Schweiz. Neu aufgenommen wurden unter anderem liturgische Entwürfe für besondere Segnungsgottesdienste, etwa zur Segnung einer Transperson.

Holger Pyka (links) erhält eine Liturgie (Foto: Isabel Barragan)

Pyka hob die Vielfalt der neuen Liturgie hervor. Die Gesellschaft sei vielfältiger und pluraler geworden; dies müsse sich auch in der Sprache des Gottesdienstes widerspiegeln. Die neue Reformierte Liturgie lasse deshalb unterschiedliche Stimmen, Erfahrungen und Gottesbilder nebeneinander stehen. Niemand solle aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Behinderung ausgegrenzt werden. „Den Gottesdienst im Singular, den gibt's sowieso nicht“, zitierte Pyka die Praktischen Theologen David Plüss und Alexander Deeg. Diese Vielfalt sei auch ökumenisch bedeutsam. Die neue Liturgie greife Erfahrungen und Formen aus unterschiedlichen Teilen der weltweiten Christenheit auf.

Für Pyka kann Gottesdienst selbst ein Akt des Widerstands sein – gegen die kapitalistische Vereinnahmung aller Lebensbereiche, gegen Gleichmacherei und gegen einen ungeistlichen Aktionismus. Der Gottesdienst unterbreche das Hamsterrad von Produktion und Konsum.


Annette Müller (links) und Barbara Schenck (rechts) haben für die Lippische Landeskirche und die Evangelisch-reformierte Kirche das Projekt "Reformierte Liturgie" geleitet.


Mitarbeitende bei der Überarbeitung der neuen Reformierten Liturgie betonten die enge, erfolgreiche Zusammenarbeit. Catherine McMillan, zu Beginn Pfarrerin in Zürich, mittlerweile pensioniert, lobte den ökumenischen Horizont des Projekts. In der Ökumenegruppe sei man „nicht unter uns geblieben“, sondern habe Menschen interviewt, die mit Migrationsgemeinden partnerschaftliche Gottesdienste feiern. So seien Erfahrungen und Perspektiven eingeflossen, die über die eigene kirchliche Praxis hinausweisen.

Fabian Brüder, Pfarrer der Evangelisch-reformierten Gemeinde Dresden, konnte nach eigener Aussage durch die Mitarbeit am Projekt seinen Blick auf den Gottesdienst erweitern. Liturgie müsse Raum geben für unterschiedliche Erfahrungen und Ausdrucksformen: „Es braucht Raum für Klage und für Wut. Es braucht Raum für Information, für Stille, für Segen und Zuspruch – für all das, was Liturgie ausmacht.“

Alle Gemeinden der Evangelisch-reformierten Kirche erhalten über die Landeskirche zwei Exemplare des neuen Buchs, größere Gemeinden bekommen drei. In einem halben Jahr werde die neue "Reformierte Liturgie" auch in einer frei zugänglichen digitalen Fassung zur Verfügung stehen, kündigte der Generalsekretär des Reformierten Bundes, Hannes Brüggemann-Hämmerling, an. Das Buch ist im Lutherverlag Bielefeld erschienen und kostet 68,00 Euro.

Schwerpunktthema der Hauptversammlung war die Frage, wie die reformierte Kirche angesichts eines gesellschaftlichen Rechtsdralls für Demokratie, Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit eintreten könne. Unter dem Titel „Recht und Rechtsstaatlichkeit aus reformierter Perspektive“ diskutierten die rund 100 Teilnehmenden vom 24. bis 26. September über Kirche und Demokratie, politischen Extremismus und die Verantwortung von Christinnen und Christen für eine freiheitliche Gesellschaft.

28. September 2026
Isabel Barragan/Reformierter Bund


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